Die Frauendreißiger

Bei den „Frauendreißiger“ handelt es sich um eine traditionelle Zeitspanne von 30 Tagen, die am 15. August mit dem Tag der „Maria Himmelfahrt“ beginnt und am 14. September endet. In vielen Regionen endet diese Zeit bereits am 8. September mit dem Tag „Maria Geburt“. Da sich hierbei jedoch eine Diskrepanz von einigen Tagen ergibt, enden die Frauendreißiger traditionell meistens am 14. September. Eine wirkliche Erklärung hierfür sucht man vergeblich.

Mit dem Tag der Maria Himmelfahrt, also dem 15. August, beginnt die Zeit des Kräutersammelns und der Kräuterweihe. Die Kräuter, die in dieser Zeitspanne als besonders heilkräftig gelten, werden zu den sogenannten „Kräuterbüschen“ gebunden und anschließend nach altem christlichem Brauch in der Kirche geweiht.

 Die Tradition der Kräuterweihe im christlichen Glauben ist auch heute noch sehr beliebt und fester Bestandteil vor allem in den Dorfgemeinden ländlicher Regionen.

Allerdings ist der Brauch des Kräutersammelns und -segnens in dieser Zeit des Jahres viel älter als das Christentum und auf heidnische Bräuche zurückzuführen.

So sammelten unsere germanischen Vorfahren im Spätsommer Kräuterbündel mit einer magischen Anzahl von jeweils 7, 9 oder 77 Heilkräutern und weihten sie, um ihre Heil- und Zauberkraft dreifach zu verstärken. Die so geweihten Kräuter sollten Schutz und Segen für Haus, Hof, Mensch und Tier bringen. Mit ihnen wurde geräuchert, Tee gekocht und Heilmittel zubereitet.

Die Traditionen unserer Vorfahren waren nicht so festgefahren und kalenderorientiert wie die der Kirche. Sie orientierten sich am Lauf der Jahreszeiten, am Stand des Mondes, am Wetter, an den Erntebräuchen und richteten ihre Arbeit und ihr Leben danach aus. So war es oft Brauch, die heilige Zeit der Frauendreißiger mit dem August-Vollmond zu beginnen und mit dem September-Vollmond zu beenden.

Es gibt aber auch die Tradition, die Tage zwischen dem Schnitterinnenfest, das um den 1. August gefeiert wird, bis zur Herbsttagundnachtgleichen, die um den 21. September stattfindet, zum Kräutersammeln zu nutzen.

Ich richte mich hier ganz nach dem Wetter und nutze die trockenen Tage nach dem Schnitterinnenfest, um achtsam und bewusst meine Kräuter zu sammeln, zu binden und zu weihen. Hierfür ziehe ich an verschiedenen Tagen zu verschiedenen Orten los, um unterschiedliche Kräuter zu bestimmten Zwecken zu sammeln, die ich dann jeweils zusammenbinde und zuhause weihe.

Warum die Frauendreißiger?

Die Zeit des Kräutersammelns fällt in die Haupterntezeit des Jahres. Diese Zeit stellte für unsere Ahnen die arbeitsreichste und wichtigste Zeit des ganzen Jahres dar, denn hier entschied sich für die Menschen, ob die Vorräte für den kommenden Winter reichlich oder aufgrund einer Missernte eher karg ausfallen würden.
Das Überleben im Winter hing vom Fleiß in diesen Wochen ab. Das Korn wurde geerntet, Gemüse und Obst eingelegt und eingekocht, Heu- und Strohvorräte aufgefüllt. Es gab unendlich viel zu tun.
Dennoch galt diese Zeit aufgrund ihrer Fülle als kraftvoll und magisch. Es waren die Tage der Großen Göttin, der Schnitterin, die alle Wesen und das Land dreifach segnete und ihnen so dreifache Kraft schenkte.

Die Pflanzen nun die volle Wirkkraft der Sommersonne gespeichert und in den Kräutern konzentriert. So wird den Kräutern im August und September eine besondere Kraft zugeschrieben. Für die Kräuterkundigen hieß das, nun auch die Kräuter mit dreifacher Heilkraft zu sammeln. 

Die kalte Jahreszeit stand kurz bevor und mit ihr drohten nicht nur Kälte und Nahrungsmangel, sondern auch vermehrt Krankheiten. Hierfür wurden nun besonders heilkräftige Kräuter für die Kräuterbuschen gesammelt. Kräuterkunde und Kräutersammeln war damals traditionell den Frauen vorbehalten, die damit auch die Verantwortung für die Gesundheit ihrer Sippe trugen. Kein Wunder also, dass diese Zeit als die „Frauendreißiger“ bekannt wurde.

Welche Kräuter gehören in den Kräuterbuschen?

Welche Kräuter gesammelt und verwendet wurden ist regional unterschiedlich und hängt natürlich davon ab, was in den verschiedenen Regionen wächst.

Zu den klassischen Kräutern zählen im Allgemeinen:
Königskerze (wird gerne als Mittelpunkt in den Buschen gebunden)
Beifuß
Salbei
Rosmarin
Schafgarbe
Lavendel
Melisse
Wegwarte
Ringelblume
Kamille
Johanniskraut
Frauenmantel
Minze
Quendel
Arnika
Alant
Wermut
Baldrian

Aber auch hier gilt wieder: schau, was in deiner Umgebung wächst. Nicht jeder von uns besitzt einen Kloster- oder Bauerngarten und hat die Möglichkeit die „traditionellen“ Kräuter sammeln zu können. Entscheidend ist, welchen Zweck du dir für deinen Kräuterbuschen wünschst. Es gibt viele verschiedene Kräuter, die ähnliche Wirkungen besitzen und somit dem gleichen Zweck dienen. Es gibt also immer viele Möglichkeiten, um die „traditionellen“ Kräuter zu ersetzen, bzw. ähnliche Kräuter mit den gleichen Wirkungen zu finden und zu sammeln.

Sei dir also bewusst, welchem Zweck dein Kräuterbuschen dienen soll, bevor du die Pflanzen sammeln gehst und auf welche Kräuter du zurückgreifen kannst, wenn du die klassischen bei dir nicht vorfindest.

Im Allgemeinen weichen meine eigenen Kräuterbuschen fast gänzlich von den klassisch gelisteten ab. Ich erstelle mir auch unterschiedliche Buschen, zu unterschiedlichen Zwecken. Dabei plane ich immer drei fest ein, einen zum Räuchern für Schutz und Reinigung, einen gegen Erkältungskrankheiten und einen, der speziell Frauenkräuter enthält.

Der Kräuterbuschen

Welche Kräuter für den Kräuterbuschen gesammelt werden, ist wie bereits erwähnt, regional unterschiedlich und abhängig vom Vorkommen der regionalen Pflanzen. Es gibt daher keine strikten Vorgaben.
Der Kräuterbuschen besitzt verschiedene Aufgaben. Vor allem stellt er die Hausapotheke für den kommenden Winter dar. Hierzu können beim Sammeln schon bewusst Kräuterbündel für bestimmte Bedürfnisse und Leiden zusammengestellt werden, z.B. einen Buschen speziell für Frauenleiden, einen für Erkältungskrankheiten, einen gegen Gelenkschmerzen usw. Nach Bedarf werden die benötigten Kräuter aus den Buschen herausgenommen und verwendet, z.B. als Tee, für eine Tinktur oder für die Salbenherstellung. Waren zur Zeit der Wintersonnenwende noch genügend Kräuter übrig, galt dies als gutes Zeichen, den Winter gesund zu überstehen.

Früher gab man die Kräuter aus diesen Buschen auch dem kranken Vieh, um es zu heilen und zu stärken. In einigen ländlichen Gebieten ist dies bis heute noch Brauch.

Die Kräuter aus den Buschen werden aber auch zum Räuchern verwendet und das zu den verschiedensten Zwecken. Die Königskerze, unseren Vorfahren auch als „Wetterkerze“ bekannt, wurde verräuchert oder ins Feuer geworfen, wenn ein Gewitter drohte, um Haus und Hof vor Blitzschlag zu schützen. Andere Kräuter wurden zum Schutz verbrannt wie z.B. der Beifuß. Vor allem in den Rauhnächten wurde viel mit den Kräutern aus den Buschen geräuchert, um schadenbringende Energien abzuwehren.

Wie man die Kräuter für die Buschen sammelt und weiht

Immer wieder beobachte ich, dass die Menge der Kräuter, die man für sich und seine Familie benötigt, völlig überschätzt wird und viel zu große Heilkräuter- und Räucherkräutervorräte angelegt werden. Gerade wenn man noch keine große Erfahrung im Kräutersammeln und -konservieren hat, kann es schwierig sein, einzuschätzen, wieviel man benötigen wird und sammelt meist viel zu viel.

Deswegen empfehle ich vor allem für Beginner der Kräuterkunde schon ab dem Frühjahr loszuziehen und verschiedene Sammelorte für sich zu bestimmen. Diese sollten nicht an einer Straße und möglichst auch abseits von Hundespaziergangsorten liegen. Besuche diese Plätze regelmäßig, um zu beobachten und vor allem auch, um zu bestimmen, welche Kräuter dort wachsen. Wie sieht ihre Entwicklung im Laufe der Wochen aus? Stelle fest, wofür sie einsetzbar sind uns lerne sie kennen. Die oberste Regel beim Kräutersammeln lautet: Sammle nur, was du zu 100 Prozent bestimmen kannst.

Mache dir so über die Wochen und Monate bis zu den Frauendreißiger ein Bild darüber, welche Kräuter du für welchen Zweck benötigst und welche Kräuter in deiner Umgebung hierzu zu finden sind. Versuche bereits im Vorfeld einzuschätzen, wieviel du davon benötigen wirst. Sammle im Zweifelsfall im ersten Jahr lieber weniger als viel zu viel. Im Laufe der Jahre wirst du durch Erfahrung immer besser wissen, wie viele Kräuter du tatsächlich im Laufe eines Jahres verbrauchst.

Die Ethik beim Kräutersammeln

Die oberste Regel beim Sammeln von Kräutern ist die folgende: Es sollte nach dem Schneiden der benötigten Pflanzen nicht zu sehen sein, dass an dieser Stelle Pflanzen fehlen. Sammle an einem Ort also immer nur so viele oder besser, nur so wenige, dass es nicht auffällt, dass du Kräuter geschnitten hast. Genau deswegen ist es so wichtig, dass du mehrere Plätze zum Kräutersammeln für dich entdeckst, damit du immer wieder an verschiedenen Stellen einige wenige entnehmen kannst.

Manchmal kommt es auch vor, dass ich besondere Kräuter entdecke, die bei mir in meiner Umgebung eher selten zu finden sind. Dementsprechend treten sie auch in sehr geringer Menge auf. In solchen Momenten freue ich mich über die Pflanze, setze mich vielleicht einen Moment zu ihr, um sie besser kennenzulernen, lasse sie aber ansonsten stehen, auch wenn ich sie gerne verwenden würde. Es ist mir dann wichtiger, sie zu erhalten, damit sie sich an diesem Standort halten und vielleicht sogar vermehren kann. Wer weiß, vielleicht hat sie sich eines schönen Tages sogar so weit dort ausgebreitet, dass ich sie dann sogar dort ernten kann?

Manchmal ist es mir an Plätzen auch wichtiger, die blühenden Kräuter für die Insektenwelt stehen zu lassen, wenn zum Beispiel an diesem Platz nur wenig Blühendes zu finden ist.

Denke immer daran, wir sind ein Teil der Natur und der Wesen, die in ihr leben, und sollten oft lieber Rücksicht und Verzicht üben, statt sie zu plündern, so wie es die Menschheit ohnehin überall tut.

Handstraußregel

Tatsächlich ist das Sammeln von Kräutern unter der sogenannten Handstraußregel im Bundesnaturschutzgesetz (§ 39 Abs. 3 BNatSchG) verankert. Sie erlaubt die Entnahme, wenn sie für den persönlichen Bedarf erfolgt und die Pflanzen nicht unter besonderem Schutz stehen. Es ist wichtig, die Natur zu schonen und nicht in Naturschutzgebieten zu sammeln. 

Die Handstraußregel besagt, dass man wild wachsende Pflanzen, Beeren, Pilze und Kräuter in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf sammeln darf. Dabei sollte die Entnahme pfleglich erfolgen und nicht mehr sein, als zwischen Daumen und Zeigefinger passt. Die genaue Menge ist nicht definiert, aber es soll sich um eine „geringe Menge“ für den „Eigenbedarf“ handeln.

Einen Kräuterbuschen zusammenstellen

Im besten Fall hast du bereits einen Überblick über die Kräuter in deiner Nähe gewonnen und dir auch Gedanken gemacht, wofür du sie verwenden willst.

Im germanischen Brauchtum wurden Kräuterbündel mit drei, sieben, neun oder 77 Heilkräutern gebunden.

Die Zahl 3 ist im Heidentum eine äußerst zentrale und heilige Zahl. Sie steht für Kraft, Ganzheit, zyklische Prozesse und göttliche Dreiheiten wie zum Beispiel die dreifache Göttin (Jungfrau, Mutter, Alte).

Die 7 wird oft als Zahl der Ganzheit gesehen, die sich aus der 4, die für alles Irdische steht und der 3, der Zahl für das Spirituelle, ergibt. In vielen magischen Traditionen gilt die 7 als eine der mächtigsten Zahlen.

Die 9, die sich aus 3×3 ergibt, hat vor allem in der nordisch-germanischen Tradition eine tiefe, heilige Bedeutung. Sie gilt als eine der mächtigsten Zahlen, die mit Magie, göttlicher Ordnung, Opfer, Tod und Wiedergeburt in Verbindung steht.  Man findet die 9 als Zahl der Vollendung in vielen Ritualen und Zaubern, so zum Beispiel im Neun-Kräuter-Zauber, dem Neunerlei-Holz, in der Knotenmagie und sogar in der Neun-Kräutersuppe. Die Dreifache Drei gilt als die höchste magische Potenz.

Wähle einen trockenen Tag aus, um zum Kräutersammeln aufzubrechen. Die Pflanzen sollten alle abgetrocknet sein, es sollte also nicht erst kürzlich geregnet haben und der Morgentau sollte ebenfalls bereits abgetrocknet sein. Der späte Vormittag bis Mittag eignet sich gut als Zeit zum Kräutersammeln.
Ich binde meine Buschen immer direkt an Ort und Stelle, solange die Kräuter noch frisch sind, daher empfehle ich dir, nicht nur eine geeignete Schere oder ein Messer zum Sammeln mitzunehmen, sondern auch ein natürliches Garn, zum Beispiel Jutegarn zum Binden. Auf diese Weise kannst du problemlos deine Buschen zusammenstellen, binden und dann zuhause direkt aufhängen. Die Pflanzen welken recht schnell und beginnen bereits ein paar Minuten nach dem Schneiden zu hängen und zu erschlaffen. In diesem Zustand lassen sie sich später zu Hause nicht mehr so schön arrangieren, weswegen ich mir angewöhnt habe, dies direkt vor Ort zu erledigen.

Die Weihe der Kräuterbuschen

Wenn du bereits einige Zeit auf dem Alten Weg der Volksmagie wandelst, beginnen sich die Bräuche im Jahreslauf zu wiederholen. Alles ist ein Kreislauf, alles kommt und geht und es ist ein schönes Ritual, den alten Buschen loszulassen und einen neuen ins Leben zu bringen. So ist es Brauch, den Kräuterbuschen aus dem letzten Jahr oder eben die Reste davon im Feuer des Schnitterinnenfestes (Lughnasadh/Lammas), das um den 01. August herum gefeiert wird, zu verbrennen. Solltest du keine Möglichkeit haben, ein Feuer zu entzünden, so ist es auch völlig ausreichend, den alten Buschen der Natur zurückzugeben. Öffne hierzu das Band, mit dem du ihn gebunden hast und lege die losen Kräuter auf eine Wiese oder unter einen besonderen Baum.
Auf diese Weise geben wir die Kräuter, die wir nicht verbraucht haben, an die Erde zurück und sagen Dank dafür, dass Mutter Erde so gut für uns gesorgt hat.

Im Feuer entwickeln die trockenen Kräuter einen wunderbaren aromatischen Rauch, den wir verwenden können, um unsere neuen Buschen zu weihen.

Auch wenn du zum allerersten Mal einen oder mehrere Kräuterbuschen gebunden hast, kannst du dem folgenden Weiheritual folgen:

Wenn du die Möglichkeit hast, draußen ein Feuer zu entzünden, dann tu dies sehr gerne. Sollte diese Möglichkeit nicht bestehen, entzünde vielleicht eine kleine Feuerschale auf dem Balkon oder eben eine Kerze. Lege deine Kräuterbuschen auf den Boden/die Erde in die Nähe des Feuers oder Flamme. Halte deine Hände über die Kräuter und sage Dank für die Gaben von Mutter Erde und bitte um Schutz, Gesundheit, Glück und Freude, die die Kräuterbuschen in dein Leben bringen sollen.

Halte die Buschen dann in Richtung Feuer oder Flamme und wiederhole deinen Dank und deine Bitte. Solltest du Kräuterbuschen aus dem letzten Jahr im Feuer verbrennen, so ziehe nun die neuen Buschen vorsichtig, mit Abstand zu den Flammen, durch den Rauch. Andernfalls ziehst du deine Buschen ein paar Male durch die Luft, wiederhole deinen Dank und deine Bitte. Als letztes besprenkelst du die Buschen mit ein wenig gesegnetem Wasser, z.B.Mondwasser, und wiederholst abermals Dank und Bitte.

Nun sind die Buschen geweiht und bereit, in deinem Zuhause zum Trocknen aufgehängt zu werden.