Der Zunderpilz – Hüter des Feuers

Bewahrer des Herdfeuers.

Der Zunderpilz (Fomes fomentarius) wird seit Jahrtausenden genutzt, nicht nur praktisch zum Feuermachen, sondern auch symbolisch und spirituell. In der Volksmagie hat er eine bemerkenswerte Rolle gespielt, und das nicht nur aus seinem Nutzen als Feuerstarter heraus, sondern durch seine symbolische tiefe Verwurzelung mit dem Feuer, das nährt und bewahrt.
In vielen Regionen Europas galt er daher als „Feuerbewahrer“. So sollte er das heilige Herdfeuer schützen und mit seiner Glut bewahren, indem man Stücke entweder in das Herdfeuer legte oder einen ganzen Zunderpilz in der Nähe des Herdes oder der Feuerstelle aufbewahrte, um durch sein magisches Wirken das Feuer im Haus zu schützen und das Glück im Haushalt zu hüten.

Feuer zu tragen ist seine wichtigste Eigenschaft und das langsam und kontrolliert, geschützt, ohne offene Flamme. Symbolisch steht das Feuer für den Geist, das Bewusstsein und die Lebenskraft eines Menschen, der Zunderpilz, als Hüter dieses Feuers, gilt somit auch übertragend auf den Menschen für den Bewahrer seiner Lebenskraft, seiner persönlichen inneren Glut.
In alten Ritualen und Traditionen trug man Stücke des Zunders daher oft z.B. in einem Säckchen zum Schutz bei sich. Er galt aber auch als Mittel, um mit den Naturgeistern des Waldes in Kontakt zu treten, auf sanfte, langsame und geduldige Art, um diese nicht „stören“ und gegen sich aufzubringen.

Verbindung zu Baum- und Naturgeistern

Pilze gehören weder zur Tier- noch zur Pflanzenwelt. Viele sehen in ihnen ein Bindeglied zwischen diesen beiden Welten, was sie zu einer Art „Torwesen“ macht. Von den Baumpilzen heißt es, sie verbinden die Ober- und die Unterwelt. Vor allem der Zunderpilz verkörpert diese Eigenschaft sehr stark, denn er wächst zuerst meist hoch am Stamm und verbindet dort den Himmel mit der Erde.

In der naturspirituellen Tradition ist er weit mehr als nur ein Pilz oder gar ein Baumparasit. Er ist ein Schwellenwesen zwischen dem Baum, Mensch und den nicht sichtbaren Kräften des Waldes. Als Baumpilz wächst er nicht nur auf dem Baum, sondern mit ihm, oft über viele Jahrzehnte, manchmal länger als ein Menschenleben. In den alten Vorstellungen unserer Vorfahren macht ihn das zu einem Bewahrer von Zeit.
Er lebt zwischen Leben und Vergehen, da er sich meistens auf alten oder sterbenden Bäumen findet.
Er verwandelt das Holz des Baumes langsam wieder zu Erde.
Er trägt die Geschichte des Baumes in sich.
Deshalb wurde er als Mittler angesehen, ein Mittler zwischen dem Baumgeist und dem Waldbewusstsein.
Denn in den alten Naturmythen heißt es, Baumgeister verlassen die alten oder sterbenden Bäume nicht aprubt, sie ziehen sich vielmehr langsam in ihre langlebigen Begleiter zurück, nämlich in Moose, Wurzeln oder auch in Pilze.
Der Zunderpilz gilt dabei also als eine Art Hülle oder Speicher dieser Energie des Baumes, seiner Weisheit und seines Baumgeistes.
So mancher Volksglaube beschreibt den Zunderpilz daher als „Ohr des Baumes“, er hört, was der Wald sagt, als „Herzrest“ eines Baumes oder auch als „Anker“, der den Geist des Baumes noch eine Zeit in seinem Wald hält.

Rauch, Reinigung und Zunder

Historisch wurden Zunderpilz verbrannt oder verräuchert, wobei man hierfür die faserigen Stücke aus dem Inneren des Pilzes herausschnitt und gut trocknete. Diese Stücke wurden vorsichtig an der Flamme entzündet und der duftende, nach Holz und Wald erinnernde Rauch zum Vertreiben böser Geister oder negativer Energien, aber auch zum Reinigen von Räumen und Werkzeugen verwendet. Der Rauch galt als sanfte, spirituelle Reinigung, ähnlich wie Salbei, jedoch mit dem Geruch und der Erinnerung des Waldes.

Diese gewonnenen Stücke des Pilzes wurden aber auch dazu verwendet, um ähnlich wie Kohle, die Glut zu bewahren und sanft durchzuglühen. So konnten sie nicht nur selbst verräuchert werden, sondern auch zum Räuchern anderer Kräuter genutzt werden.

Heute nutzen wir hierzu meist die sogenannte Räucherkohle aus dem Handel, die vor allem schnell und gleichmäßig durchglüht. Dabei funkt und knistert es oft, was ein eindeutiges Zeichen für Kaliumnitrat (Salpeter) ist. Salpeter kann beim Anzünden jedoch stechend riechen und die Atemwege reizen, er verändert zudem die Atmosphäre, die Energie des Raumes. Er verbreitet mehr „Feuerenergie“, weniger Stille. Vor allem bei langsamen und stillen Ritualen oder Meditationen, bei der Arbeit mit Natur- und Ahnengeistern, ist der Zunderpilz als natürlicher Räucherkohleersatz daher eine klare Empfehlung.

Meine Erfahrung mit dem Zunderpilz

Schon von Kindesbeinen an war ich von Baumpilzen, diesen oft skurillen, aber wunderschönen und oft auch großen Wesen fasziniert. Und auch heute noch fühle ich mich zu ihnen stark, wenn nicht sogar noch stärker, hingezogen. Vor allem der Zunderpilz, der nicht nur sehr alt, sondern auch wirklich groß wird, wenn er in Ruhe wachsen darf, hatte es mir früh angetan. Ich habe ihn oft gesammelt und mit nach Hause genommen. Ich habe ihn angesehen, bewundert und oft in die Hand genommen. Er besaß schon immer eine besondere Ausstrahlung. Nur habe ich mich nie „getraut“, mit ihm zu arbeiten, ihn zu nutzen. Ich weiß nicht, warum. Vielleich war die Zeit einfach noch nicht reif?
Seit einiger Zeit ist dies jedoch anders. Es brauchte ein paar Versuche, um herauszufinden, wie ich ihn am besten nutze. Dieser Pilz ist nämlich kein weicher Pilz, im Gegenteil, er kann wirklich härter werden als so manche Holzart. Je trockener der Pilz, desto härter wird sein Inneres. Da hilft, meiner Erfahrung nach, auch kein stundenlanges Einweichen in Wasser. Dieser Prozess weicht ihn zwar ein wenig auf, es bleibt jedoch Knochenarbeit, wenn man ihn aufsägen möchte.

Die besten Erfahrungen habe ich mit frischen Zunderpilzen gemacht. Nach einigen Tagen Regen sind sie so richtig gut durchfeuchtet und lassen sich viel einfacher in Stücke teilen. Leicht ist es trotzdem nicht, aber machbar. Mit einer guten Säge wird sowohl die Ober- als auch die Unterseite entfernt, dann sägt man ihn senkrecht entzwei und legt damit die faserigen gewachsenen Schichten des Pilzes frei. Genau diese brauchen wir und sägen möglichst dünne Stücke, so ca. 1 cm dick, ab. Gut durchgetrocknet können sie dann schon zum Räuchern benutzt werden und der waldige Duft dieses Pilzes, der sich bereits beim Anzünden entwickelt und sich dabei gleichzeitig mild und sanft im Raum verteilt, ist wirklich einfach wunderbar.
Wie uns der Zunderpilz bereits durch sein langsames Wachstum lehrt, braucht es Geduld, mit ihm zu arbeiten und so brauchen wir auch etwas mehr Geduld, während er langsam durchglüht und das Feuer sich ganz langsam verteilt. Ich schließe währenddessen einfach die Augen, atme ein und aus und spüre, wie der Zunderpilz seine waldige Erinnerung um mich herum ausbreitet, wie ein stiller Wächter. Erst wenn das Zunderstück ganz durchgeglüht ist, gebe ich die zu räuchernden Kräuter und Harze darauf. Die Rauchentwicklung dabei ist sanfter, der Duft etwas milder, die Kräuter und Harze brennen länger.

Insgesamt ist einfach alles langsamer am Zunderpilz. Aber das ist auch gut so. Er ist nun mein Lehrer für Geduld, an der es mir oft fehlt. Eine Erinnerung daran, dass, wie so oft, der Weg das eigentliche Ziel ist.

In der stillen Praxis

Bestimmt kennst du das Meditieren mit Heil- oder Edelsteinen, die man dabei in den Händen hält oder auf Körperstellen auflegt, während man selbst still wird und in sich und in die Steine hineinfühlt. Ich mache solche Meditationsübungen oft auch mit „einfachen“ Steinen aus dem Wald oder vom See oder Meer. Ihre Kräfte sind wirklich nicht zu unterschätzen. Auch Hölzer, Pflanzen, Muscheln oder Fossilien können auf diese Weise für die spirituelle Arbeit genutzt werden. Natürlich auch der Zunderpilz. In ihm steckt die Weisheit der Bäume, den langsamen Atem des Waldes und das Bewahren der inneren Glut. Was zuerst wie ein Widerspruch wirkt, ist letztendlich sehr kraftvoll und erdend. Ich möchte dich hier nicht weiter bei deinen eigenen Erfahrungen beeinflussen, sondern dich ermutigen, selbst mit dem Zunderpilz zu arbeiten, ob bei Ritualen oder in Meditationen.

Wenn du hierfür oder zum Räuchern einen Zunderpilz sammeln möchtest, beachte bitte, diese nur von bereits abgestorbenen Bäumen zu ernten. Er muss von der am Holz sitzenden Stelle abgebrochen werden und kann dabei in einen noch lebenden Baum eine heftige Wunde schlagen. Also schau bitte, dass du nur von Totholz sammelst.

Zuletzt bleibt nur noch dies:

„Der Baum spricht leise.
Der Zunderpilz hört lange.
Und das Feuer wartet.“