Gehörst du auch zu den Menschen, die bisher vor allem mit Weißem Salbei, oft gebunden als sogenannter „Smudge Stick“, oder mit Palo Santo, dem heiligen Holz des Palo-Santo Baumes, geräuchert haben?
Räuchern als kulturelle Aneignung?
Diese beiden Räucherzutaten begegnen uns inzwischen überall. Egal ob auf Social Media oder in der nächsten Buchhandlung, Räuchern ist trendy, die Nachfrage ist groß. Und genau hier beginnt auch das Problem. Durch die hohe Nachfrage und die kommerzielle Nutzung werden diese beiden Pflanzen übererntet, die „Produktion“ kommt nicht mehr nach. Hinzu kommt, dass gerade der Weiße Salbei immer wieder in großen Mengen illegal gesammelt und verkauft wird, was den Bestand an wild wachsenden Pflanzen weiter verknappt.
Dabei handelt es sich sowohl beim Weißem Salbei als auch beim Palo Santo um heilige Pflanzen, die tief im Brauchtum und in den Traditionen der indigenen Bevölkerung Nord-, Mittel- und Südamerikas verwurzelt sind. Bereits das Sammeln an sich gehört bereits zum Ritual und wird auf traditionelle Art durchgeführt.
Durch die stattfindende Massenabholzung und den Verkauf stehen diese Pflanzen den Menschen, deren Kultur eng mit ihnen verwoben ist, oft nicht mehr so einfach zur Verfügung, so dass sie in der Ausübung ihrer Traditionen eingeschränkt sind. Viele von ihnen empfinden den Gebrauch von Weißem Salbei und Palo Santo durch Nicht-indigene Menschen auch als kulturelle Aneignung und Anmaßung.
Hierzu schreibt Adrienne J. Keene auf ihrem Blog „Native Appropriations:
„It’s not about “ownership.” That smudge stick represents the deep pain, sacrifice, resistance, and refusal of Native peoples. It represents a continuing legacy of marginalizing and punishing Native spirituality. So when our religious practices are mocked through these products, or folks are commodifying and making money off our ceremonies it’s not about who has the “right” to buy or sell. It’s about power. (…) All of this is to say: find out what your own ancestors may have burned for cleansing, and use that. Unless you’re Native, it probably wasn’t white sage.“
Die Wiederentdeckung der Bräuche unserer Ahnen
Richtig, jede Kultur und jede Gegend besitzt Pflanzen, die dort traditionell zum Teil seit Tausenden von Jahren wild gesammelt und verräuchert wurden und die uns zum Teil direkt vor unserer Haustür zur Verfügung stehen.
Begeben wir uns auf die Suche nach unseren eigenen Wurzeln und finden heraus, welche Traditionen und Bräuche unsere eigenen Ahnen durchführten, so erfahren wir eine Art der Verbindung zur spirituellen Welt, die wir mit der Aneignung fremder Kulturen und Bräuche nie erfahren werden.
Die Pflanzen, die bereits unsere Vorfahren nutzten und die lokal in unserer Nähe wachsen, gehen mit uns auf natürliche Weise in Resonanz. Mehr noch, es ist, als würde sich unsere Seele wieder erinnern, denn durch ihre viele bisherigen Leben erkennt sie den Geist der Pflanze wieder und der Geist der Pflanze erkennt auch sie. Diese Erfahrung ist ein Ankommen, ein Nachhausekommen in der eigenen Kultur.
Fünf der kulturell für uns bedeutsamsten Pflanzen möchte ich dir hier vorstellen. Es handelt sich bei ihnen um alte europäische Schutz- und Zauberpflanzen, die mit viel Brauchtum und einer langen Geschichte verknüpft sind und von denen mit Sicherheit auch einige ganz in deiner Nähe wachsen. Wahrscheinlich bist du schon oft an ihnen vorübergegangen, ohne zu ahnen, welch mächtiger Pflanzengeist dort am Wegesrand wächst.
Holunder
Unsere Vorfahren wussten, im Holunder wohnt die Göttin selbst. Dieser Baum oder Strauch galt als wichtigster und heiligster Wächter von Haus und Hof, als Wohnstatt der Göttin und als Schwelle zur Anderswelt. Holunder wurde geehrt, man zog sogar den Hut vor ihm, wenn man vorüberging.
Er wurde gern hinter dem Haus gepflanzt, in der Nähe der Küche und des Brunnens, um von dort aus segenbringend zu wirken. Der Schutz, den er den Menschen schenkt, ist ganzheitlich. So glaubte man früher, er wirke bannend gegen Blitzschlag, gegen Flüche oder böse Worte, genauso wie gegen viele Krankheiten.
Verräuchert wurde er vor allem, um Dämonen, Geister und unheilbringende Energien zu vertreiben, aber auch, um Übergänge zu erleichtern. Als Schwellenbaum, als lebendige Pforte zur Anderswelt rief man den Geist des Holunders an, um Segen bei Geburt und Tod zu erbitten. Aber auch als Orakelbaum war er bekannt und so wurde ebenfalls mit ihm geräuchert, um den Rat der Ahnen oder der Hausgeister zu erfragen. Wenn der Vorhang dünn war, so wie in den Nächten der Sonnenwenden oder in den Rauhnächten, setzte man sich auch gerne unter den Baum, um den Stimmen der Ahnengeister zu lauschen.
Geräuchert werden können vor allem die süßen Holunderblüten, die im Frühsommer in großen Dolden am Holunder wachsen. Ihr Aroma ist unvergleichlich. Aber auch die Blätter können getrocknet und verräuchert werden, am besten zusammen mit den Blüten. Auch das Holz kann verräuchert werden, allerdings sollten hierfür nur herabgefallene Zweige genutzt werden. Der Holunder möchte geehrt werden, nicht beschnitten.
Weißdorn
Er ist ein mächtiger Wächter und wurde von unseren Vorfahren aus gutem Grund als Hofgrenze, an Feldrändern oder eben als natürliche Umzäunung gepflanzt. Denn dort, wo er mit seinen langen und spitzen Dornen eine undurchdringliche Hecke bildet, gibt es kein Durchkommen weder für körperliche noch für geistige Feinde. Seine Dornen stechen nicht nur ins Fleisch, sie stechen auch in dunkle Energien und lösen diese auf.
Der Weißdorn gehört zu den ältesten Schutzpflanzen im mitteleuropäischen Raum. Unsere Ahnen wussten, wer ihn ehrt, wurde geschützt. Er bildete nicht nur eine sichtbare Grenze zur Außenwelt, er war auch gleichzeitig eine Schwellenpflanze zur Anderswelt, ein Wächter, der unerwünschte Wesen fernhielt. Er schützt aber auch die Ratsuchenden, die einen Blick hinter die Schleier werfen möchten und schützt uns beim Wandeln auf der anderen Seite des Zaunes vor Unheil.
Sammle seine Blüten und Blätter im Frühjahr, um sie getrocknet zu verräuchern. Auch das Holz oder die Rinde können verräuchert werden.
Beifuß
Die Königin am Wegesrand ist unter vielen Namen bekannt:
Weiberkraut bezieht sich auf ihre vielfältigen Heilwirkungen auf den weiblichen Körper in jeder Phase des Lebens einer Frau, von der Jungfrau bis zur Alten Weisen.
Der Name Besenkraut deutet auf die Benutzung des Krautes als Reisig im Hexenbesen hin, mit dem man negative Energien einfach hinfort fegt.
Ihr interessantester Name jedoch lautet Hexenkraut. Beifuß galt unseren Vorfahren als wichtigste Räucher- und Zauberpflanze und wurde bereits vor Tausenden von Jahren genutzt, um die Tore zur Anderswelt zu öffnen. Verräuchert verhilft er dem Sehenden zu Visionen.
Zusammen mit dem Johanniskraut galt der Beifuß als „fuga daemonum“, als Dämonen- und Geistervertreiber, was auf seine große Schutzkraft hindeutet.
Um negative Energien zu vertreiben und dauerhaft fernzuhalten, sollte man regelmäßig mit Beifuß räuchern und die getrocknete Pflanze als Schutzamulett bei sich tragen, um Krankheiten oder Verzauberung fernzuhalten.
Beifuß wächst in der Nähe der Menschen, an den Weges- oder Feldrändern und zeigt sich dir, wenn du bereit für die Pflanze bist.
In der Alten Magie wurde Beifuß geräuchert, in Amuletten bei sich getragen, zu Zöpfen oder Gürteln geflochten oder auch aufgehängt. In Bündeln wurde die Pflanze früher an Tür- oder Fensterrahmen und auch in den Ställen aufgehängt, um böse Geister, Krankheit und Unheil fernzuhalten. Gerne wurden solche Bündel auch über der Herdstelle, dem Herz des Hauses, aufgehängt und getrocknet, wo man die Sträuße das ganze über beließ, um sie im nächsten Jahr zur Sommersonnenwende in das heilige Feuer zu werfen.
Verräuchert wird die gesamte Pflanze. Sammle sie nach der Sommersonnenwende, wenn sich ihre Blüten bereits entfaltet haben, aber noch nicht aufgegangen sind. Binde sie zu Räucherbündeln, um sie getrocknet im ganzen zu entzünden, oder räuchere mit dem getrockneten Kraut auf Räucherkohle oder auf dem Stövchen. Im Herbst, wenn die Pflanze verblüht ist und langsam vertrocknet, stich die Wurzeln des Beifußes. Auch sie können getrocknet verräuchert werden und besitzen ein ganz besonders intensives Aroma.
Wacholder
Der Wacholder galt in der alten mitteleuropäischen Volksmagie als eine der stärksten und mächtigsten Schutzpflanzen. Wie auch im Holunder bereits der Name der Göttin Holle enthalten ist, so enthält auch der Wacholder ihren Namen, die Holde.
Diese Pflanze besitzt zwar keine Dornen oder Stacheln, aber sehr spitze Nadeln, die leicht in die Haut stechen und steckenbleiben können. Ein klarer Hinweis auf seine schutzbringende Wirkung nach außen, denn die Nadeln des Wacholders stechen nicht nur ins Fleisch, sie zerschlagen auch dunkle Energien.
Er wurde aber auch neben seinem Nutzen gegen Unheilbringende Energien und schadenbringenden Zauber wegen seiner Wirkung als Heilpflanze gelobt, die gegen viele Krankheiten eingesetzt wurde. Man pflanzte den Wacholder ganz in der Nähe vom Haus und von den Ställen, um ganz bei denjenigen zu sein, die seines Schutzes bedurften.
Wacholder galt neben dem Beifuß als eine der wichtigsten Räucherpflanzen gegen die dunklen Energien und bösen Geistern, auch gegen Krankheitsgeister wurde er im Zimmer der Kranken verräuchert. Er galt aber auch als Wächterbaum der Ahnen, als Schwellenhüter, der verräuchert wurde, wenn die Schleier zwischen den Welten besonders dünn waren, um den Kontakt zu den Ahnen zu erleichtern, aber auch, um die Seelen kürzlich Verstorbener heimzuführen. So war er auch eines der wichtigsten Räuchermittel, um Übergänge zu begleiten, sowohl bei der Geburt als auch beim Tode eines Menschen.
Verräuchert werden vor allem die Nadeln, das Holz und die Beeren des Wacholders.
Wacholder steht in den meisten Regionen unter Naturschutz und darf nicht wild gesammelt werden. Es ist aber möglich, sich eine eigene Pflanze für den Balkon oder Garten anzuschaffen, sie zu pflegen und sich mit dem Pflanzengeist des Wacholders zu verbinden. Mit der eigenen Pflanze zu räuchern, ist eine besondere Erfahrung, da wir durch die Beschäftigung mit der Pflanze eine besondere Verbindung mit ihr eingehen können und so die Erfahrung auf eine höhere spirituelle Ebene bringen.
Johanniskraut
Das Johanniskraut, der Lichtbringer unter den Kräutern, hat eine lange Geschichte in der Alten Volksmagie und wird traditionell mit Schutz, Licht und Heilung in Verbindung gebracht. Leuchtend gelb blüht es um die Zeit der Sommersonnenwende, kein Wunder also, dass seine Blüten selbst als kleine Sonnen angesehen wurden, die das Dunkle und Böse vertreiben und Licht in den dunkelsten Schatten bringen.
Es wurde daher als besonders schutzbringend angesehen, eine Fackel des Lichts, die alles Üble und Schadenbringende vertreibt, auch gegen böse Geister und Dämonen wurde es hierzu eingesetzt. Wie auch der Beifuß war es unter dem Namen „fuga daemonum“, Geisterbanner oder Dämonenvertreiber, bekannt.
Hierzu wurde es verräuchert, zu Kränzen verwoben und an der Haustür aufgehängt oder zu Sträußen gebunden am Tür- oder Fensterrahmen aufgehängt. Es wurde auch oft als Amulett getragen, um den bösen Blick oder Schaden abzuwehren und gleichzeitig das Glück zu rufen.
Neben seiner schadenabwehrenden Wirkung galt das Johanniskraut auch als Stimmungsaufheller, als Glücksbringer, der das Licht und damit die Freude und Harmonie ins Heim einziehen lässt.
Johanniskraut wird um die Zeit der Sommersonnenwende gesammelt, wenn es blüht. Verräuchert wird das gesamte getrocknete Kraut, vor allem die Blüten.
